Beiträge

05.09.2019

ahimsa – Gewaltlosigkeit
FGM und die Desert Flower Foundation

Ahimsa (a – nicht, himsa – Gewalt, Abwesenheit von Gewalt, Gewaltlosigkeit) ist ein Aspekt von Yama, dem ersten Glied des achtgliedrigen Pfades im Patañjali Yoga Sutra (P.Y.S.). Im Beitrag vom 06.09.2017 habe ich die acht Glieder schon einmal beschrieben.  

Ahimsa beschreibt die Abwesenheit von Gewalt oder die Gewaltlosigkeit, eine Haltung gegenüber unserer Umwelt, also gegenüber unseren Mitmenschen, Tieren, Pflanzen und auch gegenüber unseres gesamten Planeten.  Es ist eine Qualität, die der Spezies Mensch innewohnt, Mitgefühl (karuna) und Liebe (maitri) empfinden zu können, zu unterscheiden, was richtig und was falsch ist, beziehungsweise was recht und unrecht ist. Trotzdem unterliegen wir oft der falschen Wahrnehmung oder dem falschen Verständnis (avidya) in verschiedenen Situationen unseres alltäglichen Lebens, vor allem in der Begegnung mit unserer Familie, mit Freunden und Kollegen. Wenn wir uns innerfamiliär in unserem Reden und Handeln schon oft falsch verstehen oder gar misstrauen, wie ergeht es uns dann mit fremden Kulturen, deren Sprachen und Handlungen uns fremd sind, mit Tieren, die einer anderen Gattung angehören und sich schon äußerlich stark von uns unterscheiden und deren Verhalten wir oft nur interpretieren können?

Was der Mensch nicht kennt, macht ihm oft Angst. Er folgt hier zunächst einmal seinem Urinstinkt um sich zu schützen. Allerdings leben wir im 21. Jahrhundert. Unser Gehirn sollte sich im Laufe der Evolution soweit entwickelt haben, dass wir vor gewissen Dingen keine Angst mehr zu haben brauchen. Wir töten harmlose Insekten, weil sie uns nerven oder wir uns ekeln, vom Umgang mit unseren Nutztieren ganz zu schweigen. Wir schlagen unsere Kinder, Männer sterben in unsinnigen Kriegen und weltweit werden Mädchen und Frauen dem grausamen Ritual der Genitalverstümmelung unterzogen.
Dieses Thema ist schon lange kein rein afrikanisches Problem mehr. Während  die Zahl der verstümmelten Frauen in Afrika rückläufig ist, steigt sie durch die Flüchtlingsströme aus Afrika, vor allem hier in Europa und somit natürlich auch in Deutschland. Doch es ist nicht nur so, dass die Frauen und Mädchen verstümmelt nach Europa kommen, sondern sie werden, selbst wenn sie schon lange Zeit hier leben, im „Afrika-Urlaub“ diesem Ritual unterzogen und kommen dann verstümmelt an Leib und Seele wieder hierher zurück. Aber auch hier in unserem zivilisierten Deutschland werden Mädchen verstümmelt, in Hinterhöfen, alten Fabrikgebäuden, Hotelzimmern durch „professionelle Beschneiderinnen“, mit Rasierklingen, Scheren, Glasscherben. Aber auch durch Ärzte, die sich auf diese Weise ein Zubrot „verdienen“. Letztendlich geht es bei all diesen Gewaltakten um Macht und Machtmissbrauch, um Dominanz, die auf Ängsten begründet ist.

In Deutschland soll per Gesetz die Impfpflicht für alle Kinder eingeführt werden, ebenso wird gerade darüber gesprochen, Plastiktüten gesetzlich zu verbieten. Da sollte es doch, ebenso wie in Frankreich, möglich sein, FGM (female genital mutilation – weibliche Genitalverstümmelung) per Gesetz zu verbieten und rechtlich zu verfolgen, auch wenn Frauen und Mädchen hier leben, in ihren Ursprungsländern verstümmelt und anschließend wieder nach Deutschland zurückkehren. Die Forderungen, die die Desert Flower Foundation stellt, sind, vor allem hier zu Lande, durchaus umsetzbar. Wie das möglich ist und auch die Unversehrtheit der Mädchen dauerhaft gewährleistet  werden kann, könnt Ihr unter www.desertflowerfoundation.org nachlesen.

Solange auf unserem Planeten auch nur noch ein einziges fühlendes Wesen leidet, ob Mann, Frau, Kind oder Tier, solange wird kein Wesen wirklichen Frieden finden. Wir alle können etwas tun, um die Gewalt, die wir uns selbst und anderen antun, im Großen wie im Kleinen, zu mindern, Leid zu lindern und Liebe und Mitgefühl in uns kultivieren. Der Weg von Angst und Mangel zu Liebe und Erfüllung führt über Vertrauen. Vertrauen darin, dass für alle und alles gut gesorgt ist. Vielleicht gelingt es uns mit der Zeit so viel Vertrauen zu erlangen, dass wir bereit sind unsere Herzen zu öffnen für alle leidenden Wesen und für uns selbst und unser Leid.

Im asiatischen buddhistisch geprägten Raum, gibt es die Vorstellung des Bodhisattva (erwachtes Wesen) des unendlichen Mitgefühls. In China wird er als Kwan Yin (weiblich) verehrt, in Tibet als Avalokiteshvara (männlich). Dieser Bodhisattva hat Erleuchtung erlangt. Er verzichtet auf den Übergang ins Nirwana, um allen Wesen zu helfen, sich ebenfalls aus dem Kreislauf des Leidens zu befreien. Erst dann geht er selbst ins Nirwana. Er gilt als Schutzpatron für Frauen und Kinder. Der Name bedeutet „die/der aus dem Lotos geborene“. Die Legende sagt, dass sie/er die Schreie aller Not leidenden Wesen hört und ihnen Trost, Liebe und Mitgefühl schenkt.
Wie lange es auch noch dauern mag, ich hoffe, dass die Schreie irgendwann aufhören und alle Wesen dem Bodhisattva ins Nirvana folgen.

lokāḥ samastāḥ sukhino bhavantu
oṃ śantī, śantī, śantīḥ

Mögen alle Welten eins sein.
Mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein.
Mögen mein Denken, meine Worte und Handlungen zum Wohlergehen aller Wesen beitragen.
Oṃ Friede, Friede, Friede.

 

Wenn Ihr Euch weiter über das Thema FGM (female genital mutilation – weibliche Genitalverstümmelung)
informieren möchtet, könnt Ihr die nachstehenden Buttons anklicken. Wie immer habe ich auch Videos zum Thema in der Mediathek eingestellt. Es handelt sich hier um Interviews mit der Menschenrechtlerin, UN Sonderbotschafterin und Autorin des Bestsellers „Wüstenblume“  Waris Dirie und der von ihr gegründeten Desert Flower Foundation.

Waris Dirie Biografie GER
Desert Flower Foundation GER
Wüstenblume Schulen und Bildungsinitiative

 

Bildquelle: Fotolia
Bild Safa: women
Bild Waris Dirie: Desert Flower Foundation

 

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10.12.2018

Weihnachten
Besinnlichkeit, Liebe, Mitgefühl, Nicht-Zeit


Weihnachten ist nicht mehr weit und das Jahr neigt sich dem Ende zu. Ich möchte Euch ganz herzlich für 
die Zeit danken, in der wir in diesem Jahr gemeinsam geübt und praktiziert haben. Ich freue mich über Euer Interesse am Yoga und vor allem darüber, wenn Ihr den von Euch gewünschten Effekt erreicht. 

Die Adventszeit ist für viele eine Zeit der Besinnlichkeit. Nichts ist wichtiger, als sich in unserem
hektischen Alltag Zeit zu nehmen. Gemeinsame Zeit mit unseren Lieben, aber auch für uns selbst. Wir vergessen oft, warum wir überhaupt Weihnachten feiern. Wir feiern die Geburt Jesu, der in seinen späteren Jahren die Nächstenliebe gelebt und vermittelt hat. Selbst diejenigen unter uns, die nicht religiös sind, feiern Weihnachten. Im Grunde geht es doch darum, sich seinen Mitmenschen und sich selbst liebevoll zuzuwenden. In Sanskrit bezeichnen die Begriffe maitrī und karuṇā den Zustand von liebender Güte/liebevoller Zuwendung und Mitgefühl.


Ab dem 25.12. beginnen die Rauhnächte. Sie enden nach zwölf Nächten am 05.01. Seit der frühen Neuzeit symbolisieren sie die Phase, in der alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Diese Zeit entstand aus der Umstellung vom Mond- auf den Sonnenkalender. Dieser weist elf Tage oder auch zwölf Nächte mehr auf. Also 365 Tage statt 354 Tage. Die fehlenden Tage wurden also an den Mondkalender angehängt. Die Rauhnächte sind eine Zeit die ist und zugleich nicht ist. Unsere Ahnen glaubten, in dieser Nicht-Zeit könne keine Tätigkeit fruchten. Sie zogen sich in ihre Häuser zurück und die Arbeit ruhte. Wir können sie heute als eine Art Schwebezustand betrachten, eine Zeit inne zu halten, uns neu auszurichten, in Erwartung darauf, was das neue Jahr uns bringen wird oder einfach nichts tun.

Egal ob wir einer Religion angehören, ob wir gläubig sind oder nicht, Christen, Muslime, Juden (die  am
03.12. Chanukka gefeiert haben) Buddhisten, Hindus oder Atheist, die Zeit um den Jahreswechsel herum ist immer irgendwie etwas besonderes. 

Vielleicht findet Ihr Euch irgendwo wieder und könnt die Zeit und Nicht-Zeit für Euch mit Besinnlichkeit, Liebe, Mitgefühl und Nichtstun füllen.

Unter „Impulse“ in der Mediathek habe ich Euch ein Musikvideo eingestellt. Es ist das Mantra „lokah samastah sukhino bhavantu“ in einer Version von Renee Sunbird. In Kurzform bedeutet es soviel wie „mögen alle Wesen in allen Welten glücklich sein“.

Ich wünsche Euch und Euren Familien ein lichtvolles Weihnachtsfest und für das kommende Jahr alles Liebe!

 

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07.10.2018

Achtsamkeit

 

Zen-Schüler fragen ihren Meister warum er so zufrieden ist.

Er antwortet:
„Wenn ich sitze, dann sitze ich,
 wenn ich stehe, dann stehe ich,
wenn ich gehe, dann gehe ich,
 wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich liebe, dann liebe ich, …“

 Die Schüler sagen:
„Das tun wir auch, aber was machst du darüber hinaus?“

Der Meister erwiderte:
„Wenn ich sitze, dann sitze ich,
 wenn ich stehe, dann stehe ich,
 wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich esse, dann esse ich,
wenn ich liebe, dann liebe ich, …“

Wieder sagten die Schüler:
„Aber das tun wir auch, Meister.“

Aber der Meister entgegnete:
„Nein, wenn Ihr sitzt, dann steht ihr schon,
 wenn ihr steht, dann geht ihr schon und
 wenn ihr geht, dann seid ihr schon am Ziel.“


Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit, eine Qualität des menschlichen Bewusstseins, sprich des bewussten Seins, die auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ist. Achtsamkeit bedeutet präsent zu sein, sich selbst zu begegnen, aufzuwachen.


So wie der Atem nur im Jetzt geschieht, wir den vergangenen Atemzug nicht wiederholen können, noch den nächsten

Atemzug vorziehen können, so können wir einzig in der Gegenwart leben. Wir können die Vergangenheit nicht
verändern, noch können wir unsere Zukunft vorwegnehmen, auch wenn wir noch so gerne planen.

John Lennon hat einmal gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“

Wir können unserem Leben zwei Richtungen geben. Entweder wir hadern, streben permanent nach Glück, Anerkennung, usw. beziehungsweise nach dem, was wir gerade nicht haben, ohne zu erkennen, was bzw. dass wir alles haben, oder wir nehmen es so an, wie es ist und lernen mithilfe der Achtsamkeitspraxis mit den Umständen, die wir nicht beeinflussen können, umzugehen und die schönen Dinge, die uns gegeben sind, zu erkennen und zu schätzen.

Das erste Wort im ersten Vers des ersten Kapitels des Patañjali Yoga Sūtra (Leitfaden des Yoga von Patañjali), eine der wichtigsten philosophischen Schriften des Yoga, ist das Sanskrit-Wort atha. 

Atha bedeutet wörtlich jetzt, nun, ist aber ebenso ein glücksverheißendes Wort. Wir können es als Glück empfinden, jetzt mit unserer Achtsamkeitspraxis zu beginnen, jetzt unser Leben bewusst zu gestalten.

Das englische Wort present bedeutet sowohl Geschenk, als auch Gegenwart. Im deutschen nutzen wir das Wort Präsent für Geschenk oder als Verb präsent (sein) für gegenwärtig (sein). So können wir den gegenwärtigen Moment
als Geschenk betrachten.

Es gibt mittlerweile viele Studien zum Thema Yoga, Achtsamkeit und Meditation. Ein Vorreiter auf diesem Gebiet ist Prof. Jon Kabat Zin, ehemaliger Schüler des vietnamesischen Zen-Mönches Thich Nhat Hanh. Er gründete 1979 die Stress Reduction Clinic in Massachusetts und entwickelte hier die Methode der Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR, deutsch: Achtsamkeit basierende Stressreduktion), die Elemente des Haṭha Yoga, Vipassanā und Zen enthalten. 

Zen ist eine japanische Strömung des Mahayana-Buddhismus, die wesentlich vom Daoismus beeinflusst wurde. Das Wort Zen leitet sich von dem Sanskrit-Wort dhyāna (Meditation; meditative Versenkung) ab.

Vipassanā bedeutet wörtlich Einsicht und findet im Theravada-Buddhismus seinen Ursprung, ist aber nicht religionsgebunden. Vipassanā-Meditation bedeutet folglich Einsichts-Meditation. Nach der Rede des Buddha von den Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit (Satipaṭṭhāna Sutta (Sūtra)), werden in der Vipassanā-Meditation die  folgenden vier Grundlagen der Achtsamkeit  praktiziert:

1. Achtsamkeit auf den ganzen Körper

2. Achtsamkeit auf die Gefühle/Empfindungen (Bewertungen: positiv, negativ, neutral)

3. Achtsamkeit auf den Geist/Geistesinhalte und das Bewusstsein (wechselnde Zustände des Geistes: konzentriert,
abgelenkt, verwirrt, …)

4. Achtsamkeit auf die Geistesobjekte/mentale Objekte (Dinge, die im Augenblick wahrgenommen werden)

Durch kontinuierliches Üben der Achtsamkeitspraxis, kann es uns im Laufe der Zeit möglich sein, eine erhöhte Aufmerksamkeit in den Alltag zu integrieren. Das praktizieren der Achtsamkeit kann zu jeder Zeit in allen Situationen des Lebens erfolgen. Indem wir uns in unseren alltäglichen Situationen beobachten, uns ganz bewusst wahrnehmen in unserem Fühlen, Denken und Handeln, kommen wir uns selbst immer näher, erkennen, wie wir in verschiedenen Situationen agieren oder reagieren und können auf diese Weise eine positive Veränderung von Denkmustern und Verhaltensweisen herbeiführen.

Wie immer findet Ihr ein zum Thema passendes Video zum Thema Achtsamkeit in meiner Mediathek.    

Ich wünsche Euch viel Freude an der (Selbst-)Beobachtung.
Seid gut zu Euch.

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06.12.2017

Wer bin ich?
ko´ham?

Am Anfang war der ātman allein in menschlicher Gestalt. Als er um sich blickte, sah er nichts anderes als sich selbst. Da sprach er am Anfang: „Ich bin!“ Daher kommt der Name „Ich“. Deshalb sagt man auch heute noch, wenn man angesprochen wird, zuerst: „Ich bin es“, und danach erst nennt man seinen Namen, wie immer er lautet. … (1)

Er fürchtete sich. Deshalb fürchtet man sich, wenn man allein ist. Dann dachte er sich: Da es nichts außer mir gibt, wovor sollte ich mich fürchten? Darauf wich seine Furcht, denn vor wem hätte er sich fürchten sollen? Denn Furcht kommt von einem anderen. (2) 

Brihadāranyaka I, 4,1-2

Liebe Yogafreunde,

ich glaube, jeder stellt sich einmal die Frage „Wer bin ich?“ oder „Wer oder was ist eigentlich ICH?“ Wer sich mit sich selbst konfrontiert sieht, wird vielleicht feststellen, dass sich gelegentlich unangenehme Gefühle oder gar Angst bemerkbar machen. Wer aber beschließt, sich bewusst mit sich selbst zu beschäftigen, hinschaut was in ihm und um ihn herum gerade passiert und erkennt was das ICH gerade braucht, dem bietet diese Konfrontation mit sich selbst die Möglichkeit zur Transformation.

Meine erste bewusste Begegnung mit meinem ICH hatte ich nach einem Treffen unserer damaligen Selbsterfahrungsgruppe. Aus irgendeinem Zusammenhang heraus kam auch hier die Frage nach dem ICH und der Angst auf. Die damalige Leiterin hat uns empfohlen, einmal einen Selbstversuch zu machen. Jeder konnte sich, wenn er wollte, zuhause in einer ruhigen Minute vor einen Spiegel setzen und sich selbst tief in die Augen blicken, um zu sehen, wie lange er seinem eigenen Blick (in die Seele) standhält. Seinem wahren Selbst zu begegnen braucht Mut. So simpel diese Übung auch erscheint, es hat mich einiges an Überwindung gekostet, nicht wegzusehen. Sicherlich gewährt einem der Blick in den Spiegel auch nicht die letztendliche und vollständige Erkenntnis über sein wahres ICH, aber es ist eine interessante Erfahrung und einen Versuch wert.

Aber warum hat man nun so viel Angst vor dem wahren Selbst (ātman), wenn es doch nur das ICH BIN gibt? Wie ātman in menschlicher Gestalt sagt, gibt es doch keinen Grund, wenn man all-ein(s) ist. Warum ist es dann so schwierig, bei sich zu bleiben und sich nicht von außen beeinflussen zu lassen. Vielleicht waren wir in unserem Ursprung alle All-EINS und ganz bei uns selbst. Vielleicht hat sich dieser Zustand im Laufe der Evolution über die Zeitalter hinweg verändert oder aufgelöst. Aber irgendwo muss dieser Funke noch vorhanden sein, denn durch Yoga und Meditation ist dieser Zustand der wahren Erkenntnis und des wahren Seins (zumindest für eine gewisse Zeit) zu erreichen. Folglich kann er sich nicht ganz aufgelöst haben. Vielleicht ist das Getrennt-Sein vom ICH auch nur eine Illusion und es fehlt uns wirklich „einfach“ der Mut unser wahres ICH zu erkennen. Aber vielleicht ist auch das nur eine Illusion.

Siegmund Freud beschreibt in seinem „Drei-Instanzen-Modell“ die Begriffe „Es“, „Ich“ und „Über-Ich“. Während das „Es“ nach der Befriedigung seiner Triebe (Nahrungs- und Sexualtrieb,…), Bedürfnisse (Geltungsbedürfnis,…) und
Affekte (Liebe, Vertrauen, Hass, Neid,…) strebt und im „Über-Ich“ die psychische Struktur bezeichnet wird, in der soziale Normen, Werte, Moral, Gewissen, usw. angesiedelt sind, ist das „Ich“ jene Instanz, die dem bewussten Alltagsdenken (Selbstbewusstsein) entspricht und zwischen den Ansprüchen des „Es“ und dem „Über-Ich“ vermittelt, um psychische und soziale Konflikte aufzulösen.

Ist das ICH also wirklich nur ein Vermittler zwischen angeborenen Trieben und anerzogenen Moralvorstellungen?

Ich weiß nicht, wie oft ich in diesem Text das Wort ICH verwendet habe, aber man gebraucht es im Alltag so oft, ohne sich bewusst zu machen, was es bedeutet und was ICH eigentlich ausmacht. Ich werde die Frage nach dem ICH und der Angst auch nicht beantworten können. Wenn wir jedoch ganz bei uns sind, sind wir der Beobachter der Geschehnisse. Wir können von „außen“ betrachten was in uns und um uns herum geschieht, ohne etwas fürchten zu müssen. Aber nichts ist schwieriger als diese Position einzunehmen und zu halten.

In dem Prosagedicht „Die Einladung“ schreibt Oriah Mountain Dreamer: „ (…) Es interessiert mich nicht, wo oder
was oder mit wem du studiert hast. Ich will wissen, was dich von innen heraus trägt, wenn alles andere wegbricht. 
Ich will wissen, ob du mit dir selbst allein sein kannst und ob du den der dir in solch einsamen Momenten deines Lebens Gesellschaft leistet, wirklich magst.“ (2)
Diese Instanz, die uns von innen heraus trägt, die uns mit uns selbst allein sein lässt, ohne uns vor uns selbst zu fürchten, der Zustand des All-Eins-Seins, in dem sich alles materielle auflöst und keine Dualität mehr existiert, das ist ātman, das wahre Selbst.

ko´ham? Wer bin ich?
so´ham! Ich bin (wer ich bin)! Er (ātman) ist ich!

Vielleicht möchtet Ihr die besinnliche Weihnachtszeit nutzen um in den Spiegel zu schauen und Euch selbst begegnen, Eurem wahren Selbst, dem höchsten Bewusstsein, dem ICH BIN. 

In meiner „Mediathek“ findet Ihr zum Thema vier Videos des ehemaligen DAX-Managers Bernd Kolb, der sich heute mit Weisheitsfragen beschäftigt. Nachdem sein Buch „Atman“ sehr erfolgreich war, gab es 2016 die Atman-Ausstellung. Hier blickt der Betrachter nicht in sein eigenes Spiegelbild um sich selbst zu erkennen, sondern in die Gesichter anderer Menschen auf einer durchleuchteten Leinwand. In diesem Jahr folgte dann die Brahman-Austellung. In den vedischen Schriften bezieht sich Atman auf das individuelle Bewusstsein und Brahman auf das universelle Bewusstsein oder Weltenseele.

Unter folgendem Link findet Ihr Bernd Kolb´s Bericht über seine „Wisdom Journey“.
http://www.berndkolb.com/wisdom/

Lasst Euch inspirieren und seid gut zu Euch!

1) Bettina Bäumer, Upanishaden, Kösel Verlag, 2. Auflage 2009, Seite 150
2) Oriah Mountain Dreamer, Die Einladung, Goldmann Verlag, 8. Auflage 2000, Seite 8

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06.09.2017

Eins-Sein durch Meditation

(P.Y.S. 3.34)
„Die Meditation auf das Licht im Herzen, wird uns die wahre Natur des Geistes enthüllen.“

Liebe Yogafreunde,

nach der langen Sommerpause, melde ich mich nun mit meinem nächsten Beitrag zurück.

Von Meditation haben viele schon einmal etwas gehört. Der ein oder andere hat sie selbst schon praktiziert oder es zumindest versucht. Wer schon mal meditiert hat, kann sicher bestätigen, dass es gar nicht so leicht ist, sich „einfach“ auf ein Kissen oder einen Hocker zu setzen, um still zu werden. Irgendwann meldet sich der Körper, die Beine schlafen ein oder der Rücken schmerzt, weil wir das lange aufrechte sitzen nicht gewohnt sind. Auch aufkommende Gedanken können uns aus unserer Zentrierung bringen. Doch im Laufe der Zeit wird sich unser Körper an das lange sitzen gewöhnen und es wird uns mehr und mehr gelingen, unsere Gedanken kommen und gehen zu lassen.

Wie ich schon im letzten Beitrag erwähnt habe, dienten und dienen die Körperhaltungen des Yoga der Vorbereitung auf das lange sitzen in der Meditation. Die Atemtechniken unterstützen uns dabei, den Geist zur Ruhe zu bringen.

Aber was ist Meditation? Wo will sie uns hinführen, bzw. was ist ihr Ziel?

Im Yoga Sūtra des Patañjali (Leitfaden des Yoga) wird der achtgliedrige Pfad (aṣṭa – acht, anga – Glied) beschrieben, der uns auf unserem Yogaweg begleitet. Diese acht Glieder sind:

P.Y.S. 2.29

• Yama – Die Haltung unserer Umwelt/Umgebung/Mitmenschen gegenüber
• Niyama – Die Haltung uns selbst gegenüber
• Āsana – Das Praktizieren der Körperübungen
• Prāṇāyāma – Das Praktizieren der Atemtechniken
• Pratyāhāra – Das Nach-Innen-Richten der Sinne
• Dhāraṇā – Das Ausrichten des Geistes
• Dhyāna – Das kontinuierliche verweilen des Geistes in der Ausrichtung; Meditation
• Samādhi – Die vollkommene Erkenntnis, tiefes Verstehen, vollständige Vereinigung

Die Reihenfolge dieser acht Glieder führt uns schrittweise von außen in unser tiefstes Inneres. Die ersten fünf Glieder sind äußere Aspekte des Yoga, die wir aktiv durch üben beeinflussen können. Die letzten drei Glieder sind innere Zustände, die wir geschehen lassen. Die obige Reihenfolge bedeutet nicht, dass der Yoga so geübt werden soll. Im Laufe unserer persönlichen Entwicklung wird sich zeigen, welche dieser Schritte zu gegebener Zeit für unser Vorankommen gerade wichtig sind.

Meditation ist ein Zustand vollkommener Versenkung, einer tiefen Innschau, den wir durch regelmäßiges praktizieren erreichen können. Wach, aufrecht sitzend, die Sinne nach innen gerichtet.

Zunächst einmal führt uns die Meditation zu uns selbst. Sie ist das Fahrzeug, das uns zu unserem wahren Wesenskern bringt, zu einem vollständigen Verständnis über uns und unsere (Um-)Welt. Doch Samādhi, die vollkommene Erkenntnis über etwas, was sich uns zuvor noch nicht erschlossen hat, ist nicht das Ende oder die letztendliche Erleuchtung, wie es oft dargestellt wird, sondern vielmehr erst der Anfang. Denn was machen wir mit dieser Erkenntnis, wenn wir von unserem Meditationskissen aufstehen und wieder in den Alltag zurückkehren? „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“ lautet der Titel eines Buches des Meditationslehrers und Autors Jack Kornfield (siehe „Buchempfehlungen“). Es sollte uns ein Anliegen sein, diese Erkenntnis in unseren Alltag zu integrieren, um damit unser Leben und das Leben unseres Umfeldes/unserer Mitmenschen zu bereichern. Durch Meditation stellt sich ein Gefühl der Verbundenheit ein, ein Gefühl des Eins-Seins. Wie innen so außen, wie außen so innen. 

Jeder von uns trägt ein Licht in seinem Herzen. Dieses Licht erhält durch die Meditation die Möglichkeit größer zu werden, sich auszubreiten in alle Bereiche unseres Seins.
Es bringt uns dazu, mitfühlend uns selbst gegenüber zu sein, vor allem, wenn uns das Praktizieren einmal nicht so gut gelingen mag oder im Alltag etwas schief läuft. Wenn wir uns selbst liebevoll begegnen und uns mit unserem So-Sein annehmen können, werden wir in der Lage sein, dieses Licht aus Verständnis und Mitgefühl auch anderen zukommen zu lassen.

Es sind Etappenziele, die wir durch Meditation erreichen können. Mal große und mal kleine. „Erleuchtung“ ist kein Dauerzustand. Die tiefe Erkenntnis erhellt uns für eine gewisse Zeit. Die Kunst besteht darin, das Erkannte nach außen zu bringen.
Dabei wünsche ich Euch viel Freude und Erfolg!

In meiner Mediathek habe ich zum Thema ein Interview mit meinem Lehrer und Ausbilder Uwe Bräutigam eingestellt, das beim BDY-Kongress 2014 mit ihm geführt wurde. Es ist in drei Teile gegliedert, die einzeln angeschaut werden können. Die Themen des Yoga sind zeitlos, somit hat das Interview nichts an seiner Aktualität verloren.

Bis zu nächsten Mal. Seid gut zu Euch!

 Die Videos sind derzeit leider nicht mehr bei You Tube verfügbar. 

Mehr zu Uwe Bräutigam:              

 Uwe Bräutigam, MA

 

 

 


Studium der Indologie, Tibetologie und der Vergleichenden Religionswissenschaften an der Universität Bonn; Promotion. Ausbildung zum Yogalehrer BDY/EYU bei der GGF in Düsseldorf. Langjähriger Dozent des BDY (Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland) im Kontaktstudium, den Baustein-Ausbildungen und den verschiedenen anerkannten Schulen. Zehn Jahre Mitglied des Ausbildungsbeirates des BDY-Vorstandes für Aus- und Weiterbildung. Von 1991-1999 zusammen mit Anne Borchard, Dr. Imogen Dalmann und Martin Soder Leitung der Yogalehrausbildung der Yogaschule Hannover. Heute Leitung des Ausbildungszentrums „Die Yogaschule“ zusammen mit Michaela Kehrle. Dozent für Philosophie. Kultur- und Seminarreisen nach Indien, Nepal und Tibet. Vorträge zu Themen des Yoga und des Buddhismus.
Mitarbeiter der Zeitschrift VIVEKA – Hefte für Yoga.

Veröffentlichungen in der Zeitschrift VIVKA zu den Themen:

• Weisheit der Veden
• Upanishaden
• Vedanta
• Hatha-Yoga-Pradipika
• Meditation im Yoga u. a.

Buchveröffentlichungen:

• Buddha begegnen. An den Heiligen Orten in Nepal und Indien
• Farben der Sinne. Gelebte Rituale in Tibet
(siehe „Buchempfehlungen“)

 

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01.06.2017

Yoga in den Medien – Kopfstand, Krähe und Co. – Eine kritische Betrachtung

Hallo liebe Yogafreunde,

im letzten Beitrag habe ich schon erwähnt, dass durch die Medien und auch durch einige Studios suggeriert wird, dass man z. B. den „Kopfstand“ (auch „König der āsanas“ genannt) oder die „Krähe“ beherrschen muss um „richtigen“ Yoga zu praktizieren. Hier wird ein Bild vermittelt, das mit Yoga nichts zu tun hat! Yoga ist weit mehr als āsana (Körperhaltungen). Vor einiger Zeit ist in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, eine Diskussion darüber entbrannt, ob der Kopfstand noch unterrichtet werden sollte oder nicht. Viele Yogaschulen haben sich mittlerweile entschlossen es nicht mehr zu tun. Auch viele Yogalehrer verzichten in der eigenen Yogapraxis auf das Üben des Kopfstandes.

Als die ersten Schriften über Yoga niedergeschrieben wurden, fanden Körperübungen noch keine Erwähnung. Die einzige Haltung, die zu dieser Zeit eingenommen wurde, war der Lotossitz, in dem sich der Yogi zur Meditation einfand. Die Körperübungen sind erst sehr viel später entstanden und dienten der Vorbereitung auf das Sitzen in der Meditation.
Und so setzt sich auch heute noch eine klassische Yogapraxis zusammen. Zunächst wird (angepasst) mit dem Körper geübt (āsana), dann folgt das Üben der Atemtechniken (prāṇāyāma) und im Anschluss die Meditation (dhyāna).

Die Menschen, die sich im Yoga-Kurs einfinden, suchen in der Regel einen Ausgleich zum Alltag. Den meisten Teilnehmern liegt es fern, sich auf der Matte verrenken zu wollen und sich unter Umständen, wider ihrer körperlichen Konstitution, in Haltungen zu begeben, die im schlimmsten Fall zu körperlichen Schädigungen führen können. Wenn wir Schwierigkeiten in der Halswirbelsäule haben, sowieso im Nacken-Schulter-Bereich verspannt sind, wäre es mehr als bedenklich den Kopfstand zu üben. Unsere Halswirbelsäule ist so filigran, dass das Risiko eines Bandscheibenvorfalls erheblich steigt, denn sie trägt hier, unterstützt durch Unterarme und Schultern, das gesamte Gewicht unseres Körpers. Ebenso verhält es sich beim üben der Krähe. Hier tragen unsere Handgelenke unser gesamtes Körpergewicht. Wer schwache Handgelenke hat, wird sich mit dem Ausführen dieser Übung keinen Gefallen tun.

Wir sollten uns immer wieder fragen, welchen Nutzen eine Haltung für uns hat und wo sie uns hinführt. Welchen Nutzen bringt uns also der Kopfstand? Das schnellere Aufsteigen der kuṇḍalinī (Schlangenkraft)? Das Anfachen von agni ((Verdauungs)-Feuer), das unsere Schlacke verbrennt? Das leichtere Setzen von bandhas (Verschlüsse)? Ja, möglich. Faltenreduktion und weniger graue Haare? Eher unwahrscheinlich. Eine bessere Durchblutung unseres Gehirns? Sehr kontraproduktiv bei Menschen mit Bluthochdruck, erhöhtem Augeninnendruck etc. Es gibt schonendere Haltungen, die uns den gleichen Effekt bringen. Kopfstand und Krähe sind nur zwei Beispiele für eine Reihe von kritischen Haltungen im Yoga. Das heißt nicht, dass wir auf alle komplexen Übungen verzichten müssen. Auch in einer „einfachen“ Vorbeuge kann uns die „Hexe schießen“. Dennoch sollten wir alle Haltungen so üben, dass es ohne Probleme möglich ist, sie stabil und leicht (sthira sukha) auszuführen, sie gegebenenfalls anpassen oder eine alternative Übung wählen. Der Atem sollte in jeder Haltung ohne Anstrengung lang und fein (dirgha sūkṣma) fließen können. Fließt der Atem angestrengt und stockend, ist die Haltung zu anspruchsvoll und sollte angepasst werden.

Im Mittelpunkt steht der Mensch mit all seinen Belangen auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene. Im ausführen der Übungen steht die Wirbelsäule im Focus. Sie ist unsere tragende Stütze, um die sich alles dreht. Alle Haltungen können individuell angepasst werden, sodass jeder in der Lage ist Yoga zu üben, unabhängig von Alter, Geschlecht und körperlicher Konstitution. Es macht keinen Sinn sich vergleichen zu wollen und es ist auch nicht wichtig, wie der Übende auf der Matte vor oder neben uns die Übungen ausführt. Yoga ist nicht leistungsorientiert. Hier kommt es eher darauf an, bei sich selbst zu bleiben, mehr und mehr nach innen zu lauschen, sich wahrzunehmen, seine Möglichkeiten zu erkennen und zu fördern und die eigenen Grenzen auszuloten.

Yoga bedeutet, etwas zu erreichen, was bisher nicht erreichbar war oder auch sich auf ein Ziel hinbewegen.
Im Yoga Sutra des Patañjali, Kapitel 2.1 (P.Y.S. 2.1), werden drei Qualitäten beschrieben, die unseren Yogaweg bestimmen sollten: tapas (Klärung), svādhyaya (Selbstreflexion) und iśvarapraṇidhāna (die Akzeptanz unserer Grenzen; Hingabe an das Üben, an eine höhere Instanz). Diese drei Aspekte werden kriyāyoga genannt und sollten uns durch jede Yogapraxis begleiten. Es erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, uns im Üben zu beobachten, offen zu sein für das, was gerade in uns geschieht, um eine positive Veränderung herbeizuführen und diese auch in den Alltag zu integrieren.

Wenn auch der Hype groß ist, es viele verschiedene Stile und noch mehr neue stylische Strömungen gibt, so sollte Yoga nicht auf das Turnen auf der Matte reduziert werden. Vielmehr sollten wir uns bewusst machen, dass Yoga ein jahrtausendealtes ganzheitliches System ist, das der Erforschung des menschlichen Geistes und der Gesunderhaltung des Körpers dient.

Ich wünsche Euch allen viel Spaß auf dem (Yoga-)Weg zu Euch selbst und beim kennenlernen Eurer Möglichkeiten und der eigenen Grenzen. Lasst Euch fachkundig anleiten und seid mitfühlend Euch selbst gegenüber, wenn Ihr eine Haltung nicht so perfekt ausführen könnt wie in diversen Medien dargestellt. Lasst es Euch einfach gut gehen.

Bildquelle: Deutsches Yoga-Forum

 

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11.05.2017

Hallo Ihr Lieben,

in meiner neuen Rubrik „Impulse“, möchte ich Euch durch Zitate, eigene Gedanken und Medien hin und wieder ein paar Anregungen geben. Ursprünglich wollte ich auf meiner Homepage zunächst einmal keinen Blog erstellen, da ich mir nicht sicher bin, ob das was ich zu schreiben habe, überhaupt für andere Menschen von Interesse ist.

Und somit sind wir auch schon beim Thema, nämlich bei Selbstzweifeln und mangelnder Selbstannahme und Selbstliebe. Gestern Abend, am 10.05., bin ich beim Zappen bei der Sendung „Stern TV“ auf RTL hängen geblieben. Dort lief gerade der Trailer zu dem neuen Kinofilm „Embrace-du bist schön“ der Australierin Taryn Brumfitt, der leider nur heute, am 11.05., in den deutschen Kinos zu sehen ist. Die deutsche Schauspielerin Nora Tschirner hat, weil es ihr ein besonderes Anliegen war, bei diesem Film mitgewirkt und ihn auch mitfinanziert. Ihr könnt Euch den Trailer gerne unter „Mediathek“ hier auf meiner Homepage ansehen.

In dem Film geht es darum, dass sich Taryn nach drei Schwangerschaften in ihrem Körper nicht mehr wohlgefühlt hat und durch hartes Training ihren Körper zu Traummaßen geformt hat. Als sie dann ihren vermeintlichen Taumkörper hatte, hat sie festgestellt, das sie sich so, wie sie jetzt war auch nicht wirklich besser fühlte und sich gefragt hat, welche Massage sie durch die rapide Gewichtsabnahme ihrer Tochter mit auf den Weg gibt. Nachdem sie dann wieder einen Körper hatte, indem sie sich wohl fühlt, hat sie ein Vorher-Nachher-Foto von sich ins Internet gestellt und die Resonanz war riesig. Das hat sie veranlasst diesen Film zu machen. Bei ihren Recherchen rund um den Globus hat sie herausgefunden, dass unvorstellbare 91% der Frauen weltweit unzufrieden sind mit sich und ihrem Körper, die einen regelrechten Krieg gegen sich und ihren Körper führen. Mittlerweile hat dieses Thema, wenn auch noch nicht in einem solchem Ausmaß, auch die Männerwelt erreicht.

Nora Tschirner kamen bei der Frage, was sie persönlich berührt hat bei den Recherchen zu dem Film und im Umgang mit den Frauen, die Tränen und sie sagte, dass es unfassbar sei, dass die Frauen das Gefühl haben, sich für ihr So-Sein entschuldigen zu müssen.

Wer sagt uns eigentlich wie wir auszusehen haben, wer oder wie wir sein müssen? Hier haben sicher die Medien/die Werbeindustrie den größten Einfluss auf uns und unsere Kinder, die schon in jungen Jahren glauben gemacht werden, dass sie so wie sind nicht richtig sind.
Doch letztlich ist es unser Geist der uns täuscht, der einen Schleier (Sanskrit: Maya) legt zwischen das was/wer wir glauben zu sein und das was/wer wir wirklich sind. Im Yoga Sutra (Leitfaden des Yoga) des Patañjali, wird unter anderem in den Sutren 1.2, 1.3 und 1.4 erwähnt, dass nur ein ruhiger und geklärter Geist die Fähigkeit zur richtigen Wahrnehmung besitzt.

Auch im Bereich des Yoga wird, durch die Medien und vielleicht auch in einigen Studios, vermittelt, dass sowohl die Übenden als auch die Lehrer junge, dynamische, schlanke und gut trainierte Menschen sind, die dem Alter und dem körperlichen Verfall trotzen und Haltungen wie z. B. der Kopfstand oder der Krähe zu einer „guten“ Yogastunde dazu gehören. Dem ist nicht so! Der wahre Schatz des Yoga liegt sehr viel tiefer. Sich schrittweise auf allen Ebenen des Seins zu entwickeln, ganz nach den eigenen Möglichkeiten und Bedürfnissen, sollte das Ziel sein. Eine gute Yogaschule erkennt Ihr daran, dass jeder willkommen ist, egal ob rundlich oder zierlich, alt oder jung, dass Ihr als Mensch ganz individuell betrachtet und begleitet werdet und dass Ihr euch angenommen und gut aufgehoben fühlt. Und einen guten Menschen erkennt Ihr daran, dass er Euch liebt, so wie Ihr seid.

Seid auch Ihr gut zu Euch und liebt Euch selbst, ganz nach dem Motto: Ich bin wie ich bin und das ist gut so!